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Nackte Sportfreunde und Feldstecher im Dickicht
24. Juni 2003
Nackte Sportfreunde und Feldstecher im Dickicht
Seit mehr als 30 Jahren treffen sich an einem kleinen Badesee bei
Adelstetten Anhänger der Freikörperkultur
ALFDORF. Die Beachvolleyballspieler tragen Turnschuhe, sonst nichts. Einer
hat ein T-Shirt an. Solange man beim Baggern wenigstens seinen Po sieht,
geht das noch in Ordnung. Bei der Familiensportgemeinschaft (FSG) Alfdorf
ist Nacktheit nämlich Pflicht.
Von Robin Szuttor
Das neun Hektar große FKK-Gelände liegt etwas versteckt im Naturpark
Schwäbisch-Fränkischer Wald bei Adelstetten. Den Nummernschildern der
geparkten Autos nach treffen sich hier Freikörperkulturfreunde aus der
ganzen Region Stuttgart und Aalen. Ein hoher Zaun schützt die
Vereinsmitglieder vor unliebsamen Besuchern. Wer reinwill, muss klingeln.
Unten am Badesee schwirren Libellen zwischen Glockenblumen und Margeriten.
Mit etwas Glück kann man Milane und Waldsalamander sehen. Goldammern,
Schwalben und Wasserschlangen haben hier ihr Zuhause. Abends geben die
Frösche ihr Konzert am Seerosenteich. Auf dem Badmintonfeld werfen sich
nackte Rentner lachend Plastikringe zu. Ringtennis ist der traditionelle
Sport der FKK-Anhänger. "Hier ist unser kleines Paradies", sagt Andrea Knöll,
die Schriftführerin der Alfdorfer Familiensportgemeinschaft.
Mehr als 30 Jahre ist es her, dass der Welzheimer Tierarzt Dr. Karl Klein
und eine Hand voll Freunde allen Widerständen zum Trotz ihren kühnen Plan
von einem FKK-Gelände angingen. Der Rest ist Vereinslegende: "Einst trafen
sich sieben Getreue", beginnt die Chronik der Familiensportgemeinschaft. Ihr
Ziel: "Freikörperkultur pflegen ohne Trennung der Geschlechter,
Familiensport betreiben und die Gesundheit fördern durch natürliche
Lebensweise." So steht es heute noch in der Satzung.
Am Anfang waren die Nackten nicht beliebt in der Nachbarschaft. Der
62-jährige Wolfgang Böhle, Unternehmer aus Stuttgart, gehört seit 1973 zu
dem Verein. Er hat damals noch miterlebt, wie man seiner Frau beim Einkaufen
im Dorf vor die Füße spuckte: "Ihr seid doch Schweine."
Andererseits konnten manche ihre Neugier kaum zügeln. "Es gab Zeiten", sagt
Böhle, "da waren in Schwäbisch Gmünd die Ferngläser komplett ausverkauft."
Mit den Feldstechern stöberten Männer durch die Dickichte rund ums
FKK-Gelände und spickten. "Wir mussten auch schon welche aus den Baumkronen
holen", sagt Böhle. Zur Strafe wurden ihnen die Hosen runtergezogen.
Oder der Schorsch, ein Landwirt aus der Umgebung, der früher den
FKK-Anhängern die Wiesen mähte. "Eines Tages war er wieder am Mähen, als es
auf einmal einen Jes- sesschlag tat", erzählt Böhle. Der Traktor war gegen
ein Böschung gefahren und umgekippt. "Der Schorsch ist wohl zu abgelenkt
gewesen."
Inzwischen sind die Leute von der FSG der Dorfgemeinschaft schon viel näher
gekommen. Beim Alfdorfer Straßenfest verkaufen sie ihren Schweinebraten und
Kässpätzle. "Normale" Mannschaften, die früher noch einen großen Bogen um
das FKK-Gelände gemacht haben, spielen heute Turniere mit ihren ausgezogenen
Gegnern.
Der Verein hat 500 Mitglieder. Es gibt 250 Wohnwagenstellplätze, eine Wiese
für Gastcamper, ein Kinderschwimmbecken, eine Minigolfanlage, Tischtennis-
und Volleyballplätze, eine Boulebahn, Sauna und Spielplätze. Es wird
gekegelt und geschossen, bei der FSG kann man sein
Leichtathletik-Sportabzeichen ablegen.
Doch der Nachwuchs wird rar. Das Durchschnittsalter bei dem FKK-Verein liegt
bei 50 Jahren. "Früher hörte man die Kinder ,Mama, Papa" rufen, heute heißt
es meistens ,Opa, Oma"", sagt Knöll. Von den jüngeren Nacktsportlern will
sich auch keiner fotografieren lassen. "Ich arbeite bei einem streng
katholischen Träger", sagt ein gut gebauter Volleyballer.
Vor ein paar Jahren hat sich entgegen einigen Freikörperkultur-Hardlinern
die Regelung durchgesetzt, dass Buben und Mädchen, wenn sie in die Pubertät
kommen, Badekleider tragen dürfen. "Dann setzen sie eben ein paar Jahre aus,
wir respektieren ihr Schamgefühl", sagt Andrea Knöll. Zum Schutz vor
Spannern werden in der Regel keine Soloherren aufgenommen.
"Wir haben hier alle sozialen Schichten als Mitglieder", sagt Peter Wiest,
im Alltag Angestellter bei einer Sozialversicherung. Das sei das Schöne bei
der Freikörperkultur: "Hier sind alle gleich. Bei uns kann man mit keinen
edlen Markenklamotten imponieren", so Wiest. Wenngleich: "Angeber haben wir
auch."
"Hier sind alle gleich"
Beim Mähen umgekippt
Artikel aus der Stuttgarter
Zeitung
vom 25.06.2003
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